Alle RatgeberÖkostrom

Echter Ökostrom: Woran Sie nachhaltige Tarife wirklich erkennen

Grünes Label ist nicht gleich grüner Strom. Welche Gütesiegel zählen — und welche reine Marketing-Etiketten sind.

Sebastian Fischer· Nachhaltigkeits-Redakteur 28. April 2026 5 Min. Lesezeit

Der Begriff 'Ökostrom' ist in Deutschland rechtlich nicht geschützt, weshalb praktisch jeder Anbieter seinen Tarif als grün bewerben darf, sobald er physikalisch Strom aus erneuerbaren Quellen liefert. Das führt zu erheblicher Verwirrung bei Verbrauchern, denn zwischen einem Tarif mit echtem Klimanutzen und reinem Marketing-Ökostrom können Welten liegen. In diesem Ratgeber erklären wir die wichtigsten Gütesiegel, ihre jeweiligen Vergabekriterien und wie Sie als Verbraucher erkennen, ob Ihr Ökostromtarif tatsächlich zur Energiewende beiträgt oder lediglich ein grünes Image kauft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Begriff 'Ökostrom' ist gesetzlich nicht geschützt, weshalb unabhängige Gütesiegel bei der Bewertung eines Tarifs entscheidend sind.
  • Das ok-power-Siegel und das Grüner-Strom-Label gehören zu den strengsten Zertifizierungen, da sie verpflichtende Investitionen in neue Erneuerbaren-Anlagen voraussetzen.
  • TÜV-Zertifikate bestätigen zwar die Herkunft des Stroms, stellen aber in der Regel keine zusätzlichen Anforderungen an den Ausbau neuer Anlagen.
  • Besonders kritisch zu betrachten sind Tarife, die ausschließlich mit zugekauften Herkunftsnachweisen aus Skandinavien arbeiten, ohne einen messbaren Beitrag zur deutschen Energiewende zu leisten.
  • Verbraucher, denen echter Klimanutzen wichtig ist, sollten gezielt nach Tarifen mit ok-power- oder Grüner-Strom-Label-Zertifizierung suchen und die Fördersumme pro Kilowattstunde vergleichen.

Das Grundproblem: Strom aus der Steckdose ist immer gleich

Physikalisch betrachtet fließt in jeder Steckdose in Deutschland derselbe Strom-Mix aus dem Netz, unabhängig davon, welchen Tarif man abgeschlossen hat. 'Ökostrom' bedeutet daher nicht, dass buchstäblich nur grüner Strom bis in die eigene Wohnung fließt, sondern dass der Anbieter vertraglich zusichert, entsprechende Mengen an erneuerbarem Strom ins Netz einzuspeisen beziehungsweise Herkunftsnachweise dafür zu erwerben.

Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob ein Ökostromtarif echten Mehrwert für die Energiewende bringt: Kauft der Anbieter lediglich günstige Herkunftsnachweise aus bereits existierenden, oft jahrzehntealten Wasserkraftwerken in Norwegen, entsteht kein zusätzlicher Anreiz für den Bau neuer Anlagen in Deutschland. Investiert er hingegen nachweislich in den Ausbau neuer Wind- oder Solaranlagen, trägt der Tarif tatsächlich zur Energiewende bei.

Das ok-power-Siegel

Das ok-power-Siegel gehört zu den strengsten und angesehensten Gütesiegeln für Ökostrom in Deutschland und wird vom gemeinnützigen Verein EnergieVision e.V. vergeben, der von Umweltorganisationen und dem Öko-Institut unterstützt wird. Zertifizierte Anbieter müssen nachweislich zum Ausbau neuer Erneuerbaren-Kapazitäten beitragen, etwa durch verpflichtende Investitionen oder Lieferverträge mit neuen Anlagen.

Zusätzlich schließt das Siegel aus, dass zertifizierte Anbieter gleichzeitig eigene Kohle- oder Atomkraftwerke betreiben, was bei einigen großen Energiekonzernen ein relevantes Ausschlusskriterium darstellt. Verbraucher, die auf Nummer sicher gehen wollen, sollten gezielt nach diesem Siegel Ausschau halten.

Grüner Strom Label

Das Grüner-Strom-Label wird von einem Zusammenschluss namhafter Umweltverbände wie NABU, BUND und dem Verbraucherzentrale Bundesverband vergeben und gilt gemeinsam mit ok-power als das strengste Gütesiegel am deutschen Markt. Zertifizierte Tarife garantieren, dass mindestens 1 Cent je gelieferter Kilowattstunde nachweislich in den Ausbau neuer Anlagen für erneuerbare Energien oder in Energieeffizienzprojekte fließt.

Bei einem Verbrauch von 4.000 kWh im Jahr entspricht das einer garantierten Investitionssumme von mindestens 40 € jährlich, die direkt der Energiewende zugutekommt. Diese Transparenz unterscheidet das Label deutlich von vielen anderen Zertifizierungen, die solche konkreten Zahlen nicht offenlegen.

TÜV-Zertifikate: Herkunft ja, Zusätzlichkeit nein

TÜV-Zertifikate wie TÜV Süd EE01 oder TÜV Nord EE+ bestätigen zuverlässig, dass der gelieferte Strom tatsächlich aus erneuerbaren Quellen stammt und die entsprechenden Herkunftsnachweise korrekt entwertet wurden. Sie stellen damit einen soliden Basisschutz gegen reines Greenwashing dar.

Allerdings verlangen die meisten TÜV-Zertifikate keine zusätzlichen Investitionen in neue Anlagen, wie es bei ok-power oder dem Grüner-Strom-Label der Fall ist. Ein TÜV-zertifizierter Tarif ist damit zwar nachweislich grün im engeren Sinne, muss aber nicht zwangsläufig zusätzliche Erneuerbaren-Kapazität schaffen.

Vergleich der wichtigsten Ökostrom-Gütesiegel
SiegelVergeben vonInvestitionspflicht neue Anlagen
ok-powerEnergieVision e.V.Ja, verpflichtend
Grüner Strom LabelNABU, BUND u.a.Ja, mind. 1 ct/kWh
TÜV Süd EE01 / TÜV Nord EE+TÜVNein
Ohne Siegel / EigenmarketingAnbieter selbstNicht überprüfbar

Reine Marketing-Label und ihre Risiken

Besondere Vorsicht ist bei Begriffen wie 'klimaneutraler Strom' oder 'grüner Tarif' geboten, wenn kein unabhängiges Siegel dahintersteht. In vielen Fällen handelt es sich dabei um zugekaufte Herkunftsnachweise aus norwegischen Wasserkraftwerken, die teilweise seit Jahrzehnten in Betrieb sind und ohnehin ohne deutsche Nachfrage weiterlaufen würden.

Solche Nachweise sind zwar formal korrekt und rechtlich zulässig, schaffen aber keinen zusätzlichen Anreiz für den Ausbau neuer Kapazitäten in Deutschland oder Europa. Verbraucherschützer kritisieren diese Praxis regelmäßig als 'Ökostrom-Etikettenschwindel', da sie dem Kunden einen Klimanutzen suggeriert, der real kaum vorhanden ist.

Preisunterschied zwischen zertifiziertem und einfachem Ökostrom

Ein streng zertifizierter Ökostromtarif mit ok-power- oder Grüner-Strom-Label kostet in der Regel etwas mehr als ein einfacher Ökostromtarif ohne strenge Zertifizierung, da die verpflichtenden Investitionen in neue Anlagen eingepreist werden müssen. Der Unterschied liegt meist bei 0,5 bis 1,5 Cent je Kilowattstunde.

Bei einem Vier-Personen-Haushalt mit 4.000 kWh Jahresverbrauch entspricht das einem Mehrpreis von 20 bis 60 € im Jahr gegenüber einem einfachen Ökostromtarif — ein überschaubarer Betrag angesichts des zusätzlichen, nachweisbaren Klimanutzens.

Worauf Sie beim Tarifvergleich konkret achten sollten

Bevor Sie einen Ökostromtarif abschließen, lohnt sich ein Blick auf die Produktinformationen des Anbieters, in denen die Herkunft des Stroms und die verwendeten Herkunftsnachweise offengelegt werden müssen. Anbieter, die freiwillig ein anerkanntes Siegel führen, weisen dies in der Regel prominent aus, da es ein Verkaufsargument darstellt.

  • Prüfen Sie, ob der Tarif ein ok-power- oder Grüner-Strom-Label-Siegel trägt.
  • Fragen Sie nach dem Ursprungsland der Herkunftsnachweise, insbesondere bei skandinavischer Wasserkraft.
  • Vergleichen Sie den Aufpreis gegenüber Nicht-Ökostrom-Tarifen realistisch.
  • Meiden Sie Anbieter, die 'klimaneutral' ohne nachvollziehbare Zertifizierung bewerben.

Häufige Fragen

Fließt bei einem Ökostromtarif wirklich nur grüner Strom in mein Haus?

Nein, physikalisch fließt derselbe Strommix aus dem Netz wie bei jedem anderen Tarif. Der Ökostromtarif garantiert vertraglich, dass entsprechende Mengen erneuerbarer Energie eingespeist beziehungsweise über Herkunftsnachweise zugeordnet werden.

Ist jedes Ökostromsiegel gleich vertrauenswürdig?

Nein, es gibt erhebliche Unterschiede: ok-power und das Grüner-Strom-Label gelten als besonders streng, da sie Investitionen in neue Anlagen verlangen, während einfache TÜV-Zertifikate lediglich die Herkunft, nicht aber die Zusätzlichkeit bestätigen.

Warum sind Herkunftsnachweise aus Norwegen problematisch?

Weil sie meist aus bereits lange bestehenden Wasserkraftwerken stammen, die auch ohne deutsche Nachfrage weiterlaufen würden. Der Kauf solcher Nachweise schafft daher keinen zusätzlichen Anreiz für den Ausbau neuer erneuerbarer Kapazitäten.

Lohnt sich der Aufpreis für streng zertifizierten Ökostrom?

Für Verbraucher, denen ein nachweisbarer Klimanutzen wichtig ist, lohnt sich der meist überschaubare Aufpreis von 20 bis 60 € im Jahr, da damit garantiert in den Ausbau neuer Erneuerbaren-Anlagen investiert wird.

Quellen & Stand

Zuletzt redaktionell geprüft: August 2026. Alle Preisangaben sind Marktschätzungen und keine verbindlichen Angebote.